Fort Jafferau – Auf in eine neue Welt
Alleine wollte ich Offroad fahren… aber mit Freunden ist´s schöner.

Es ist Freitag Abend. Nach einer anstrengenden Anfahrt über die Autobahn komme ich am Camping Gran Bosco in Salbertrand an. Das nagelneue Zelt ist rasch aufgebaut, aber dann bin ich fertig mit der Welt… Ich rette mich in den schattigen Teil der Zeltwiese, wo schon ein paar Männer sitzen. Rasch bin ich mitten in der Runde – nette Kerle.

Beim Abendessen im Restaurant treffe ich sie wieder und erfahre, dass das Forte Jafferau nur an bestimmten Tagen in der Woche offen ist – und zwar morgen.


Aua – alles anders als geplant. Eigentlich wollte ich mit der leichteren Assietta beginnen, um mich langsam dem Offroad-Fahren anzunähern und nun sollte ich mit dem schwersten Teil beginnen. Auf die scheue Frage, ob ich mich denn morgen der Gruppe anschließen dürfe, ernte ich ein breites Grinsen von Frank: "Klar geht das." Puhhhh, da bin ich beruhigt und schlüpfe nach zwei Bierchen aufgeregt in meinen Schlafsack. Es regnet ein paar Stunden in der Nacht, aber das allein ist nicht der Grund, warum ich kaum ein Auge zumache… ich bin angenehm aufgeregt.

Das Abenteuer beginnt

Morgens verschieben wir die Abfahrt wegen der nassen und rutschigen Wege ein wenig, was mir Zeit für ein Frühstück verschafft. Um halb zehn ist Abfahrt. Wir – das sind Frank, Sven, Peter und ich starten am Parkplatz zu unserer ersten gemeinsamen Tour. Es klappt hervorragend, alle drei sind coole Typen in meinem Alter und haben die Gemütlichkeit im Blut.

Schon bald hinter Salbertrand zweigt der Einstieg in die Route zum Jafferau ab und nach einigen geteerten Kehren verwandelt sich der Untergrund in Schotter. Schnell entspanne ich mich, als ich merke dass ich gut mithalten kann und mich sehr sicher fühle.

Facts

Streckenlänge: 55 km

Höhendifferenz: 1.800 m

Fahrzeit ca. 5 Stunden mit vielen Pausen

Download GPX

Auch diese Tour stelle ich kostenlos zum Download zur Verfügung.

Am Colletto Pramand machen wir die erste Pause, um an diesem herrlichen Aussichtspunkt ausgiebig Fotos zu machen. Danach geht´s weiter bis zum berühmten Tunnel, auch diesen schaffe ich ohne wirkliche Probleme. Es ist eiskalt drin und stockdunkel. Die Straße ist nass, weil aus der Decke unablässig Wasser tropft. Stellenweise sind tiefe Wasserpfützen vorhanden, aber all das macht die Sache nur noch abenteuerlicher für mich. Ich genieße.

Nach dem Tunnel kommt ein erstes Fort, an dem wieder eine Fotopause fällig ist. Dann geht´s auf zum Gipfelsturm.

Ständig in Alarmbereitschaft

Sich abseits der befestigten Straßen zu bewegen, hat etwas wunderschönes, weil es mir ein Gefühl von Freiheit gibt. Es ist aber auch so, dass man während der Fahrt keinen Augenblick seinen Blick von der Straße abwenden sollte. Überall lauern grobe Steinbrocken und Schlaglöcher, Schotterrillen oder schmierige Schlammpfützen, die alle das Potenzial haben, dich sehr unsanft aus dem Sattel in eine steinige Landschaft abzuwerfen. Also: ständig aufmerksam bleiben und volle Konzentration auf den Weg. Das strengt an.


Kurz vor dem Fort unterhalb des Jafferau beginnt die Straße sehr grob zu werden. Die Erbauer der Straße haben auf den letzten paar Kehren flache Steine mit der schmalen Seite nach oben zu einer Straße verarbeitet. Das schüttelt mein Motorrad ordentlich durch – manchmal habe ich fast Mitleid mir meiner guten alten Lady.

Schaffe ich das letzte Stück?

Als wir fast am Forte Jafferau oben sind, kommen wir auf einen Vorplatz. Die Auffahrt zum Fort ist ausgewaschen und die Enduros, die hinauf fahren, werden wild hin und her geworfen. Kann ich das mit meiner GS machen? Sven schlägt vor, die Strecke vorher zu Fuß zu begehen und diese Begehung schafft Sicherheit. Mit der richtigen Linie ist es machbar. Also Linie einprägen, auf´s Bike und los geht´s. Als erstes schafft es Frank, dann wagt es Sven. Beide sind gut oben angekommen. Also Gang einlegen und Gas geben. Meine Trial-Erfahrungen helfen mir ein wenig, mit Gewichtsverlagerung in Balance zu bleiben und die richtige Linie zu fahren. Als ich am Dach des Fort stehe, bin ich stolz wie Oskar. Es steigt ein Cocktail an Glückshormonen in mir auf und versetzt mich in einen eigenartigen Rausch. Ich bin derart neben der Spur, dass ich vergesse, der Drohne die Kameraabdeckung abzunehmen… Die Aufnahmen sind eine Mischung an unterschiedlichen Grautönen 😉

Die Ernüchterung

Dann kommt Frank auf mich zu mit schmerzverzerrtem Gesicht und erzählt mir, dass ihm oben am Plateau beim Rangieren unglücklicherweise seine Tenere umgekippt ist. Leider hat er sich dabei den Oberschenkel gezerrt. Wir kümmern uns um ihn und sein Bike, welches Sven für ihn auf den "Vorplatz" hinunter fährt. Dort machen wir eine kurze Pause. Er probiert zu fahren, beim Abbiegen des Beins schießen ihm aber vor Schmerz die Tränen in die Augen.

Die Härte und Willenskraft eines echten Bergmannes

Wir beruhigen und motivieren ihn zu einer langsamen Abfahrt. Sven fährt voraus und macht den Weg von 4×4 Fahrzeugen frei (fast alle sind so nett und machen großzügig Platz für unseren Helden, der unter Schmerzen den Weg ins Tal in Angriff nimmt.

Wir haben uns für die Abfahrt über La Roche entschieden, da dies die kürzeste Verbindung ist. La Roche ist ein verlassenes Bergdorf mit ein paar Ruinen und einigen noch intakten Häusern. Das erinnert mich ein wenig an das Projekt "Casa con anima" im ValGrande von Dietmar Walser in der Nähe von Verbania. Das Dorf hat noch eine Kapelle, die tiptop in Schuss ist und einen Brunnen mit Sitzgelegenheiten. Das lädt zu einer Rast ein, die allen sehr gut tut.

Das Finale

Von dort geht´s dann Kehre um Kehre (19 Stück an der Zahl!) ins Tal hinunter und von dort auf der Straße zurück zum Campingplatz. Selbstverständlich musste dieser Sieg mit dem einen oder anderen Bierchen begossen werden. Bei diesem gemütlichen Zusammensein wurde unsere Gruppe um zwei coole Zeitgenossen erweitert – Uli, dessen Kumpel sich einen Zelthering in den Fuß eingetreten hat und verletzungsbedingt abbrechen musste und Jürgen, der sich in seiner Reisegruppe nicht wohl gefühlt hat und sie alleine weiterfahren ließ. Den Plan für den nächsten Tag schmieden wir im Restaurant – es soll der Col de Sommeiller werden. Wie es uns dort ergangen ist, könnt ihr in meinem nächsten Beitrag nachlesen.


Danke

Gefahren mit Unbekannten, angekommen als Freunde. Dafür möchte ich euch – Frank, Sven und Peter – recht herzlich bedanken. Es ist nicht selbstverständlich, dass man Menschen findet, die etwa gleich ticken wie man selbst und eisern zusammenhalten, wenn´s mal etwas enger wird.


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Michael Schnedl

Ich fahre Motorrad seit 2012. Seit 2018 bin ich immer öfter im Gelände anzutreffen. Ich liebe die Freiheit auf zwei Rädern.

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