Sommeillier42
Col de Sommeiller
Offroad vom Feinsten – auch für Dickschiffe wie die GS geeignet, aber sehr grob zu Mensch und Material

Der Tag 2 meines Offroad-Abenteuers beginnt wieder in Salbertrand – am Camping Gran Bosco. Der Start ist um 9 Uhr angesetzt, wegen des nächtlichen Regens verschieben wir ihn jedoch ein wenig. Genügend Zeit also für einen Espresso und ein Brioche an der Bar. Herrlich.

Um 9:30 Uhr geht´s dann bei strahlendem Sonnenschein los. Frank, Uli, Sven, Jürgen, Peter und ich sammeln sich am Parkplatz. Bereit für große Taten. Auf zum zurzeit höchsten legal mit Kfz anfahrbaren Punkt in den Alpen – dem Colle Sommeiller.


Die Route führt nach Bardonecchia und von dort taleinwärts nach Grangia Chaux. Dort wechselt der Untergrund von Teer auf Schotter und irgendwie habe ich das Gefühl, dass meine GS sich tierisch freut, endlich wieder artgerecht bewegt zu werden. Wahrscheinlich deshalb, weil sie noch nicht weiß, was auf sie zukommt…

Bis zum Mauthäuschen geht´s feldwegartig dahin, die Wasserrinnen, die sich förmlich zu Sprunghügeln entwickelt haben, machen tierisch viel Spaß. Wir bezahlen die 5,- EUR Maut und bekommen sogar noch einen Sticker dafür – sehr freundlich.


Grober Schotter

Ab der Mautstelle, die übrigens an der Abzweigung zum Rifugio Scarfiotti (dazu später mehr) liegt, verändert sich der Untergrund Meter für Meter. Der Schotter wird tiefer und grober, es folgt bald eine Serie enger Kehren. Fahrerisch schon ganz schön fordernd und auch das Material beginnt zu ächzen. Aber was soll´s dazu sind die Adventurebikes doch gebaut 😉

Facts

Länge: 80 km, davon 30-40 km Offroad

Höhendifferenz: ca. 2.000 m

Straßenbelag: Teer, Forstweg, Grobschotter



GPX-Datei

Da ich sehr dankbar bin dafür, dass wir diese Straßen nahezu kostenlos befahren dürfen, stelle ich die GPX-Datei hier kostenloas zur Verfügung.

An der Pian dei Frati (Mönchsebene) ist für Frank und Peter leider Schluss. Frank kann sein Bein aufgrund seines Sturzes am Vortag noch nicht ordentlich belasten und hat zu wenig Gefühl für´s Motorrad in diesem extrem fordernden Terrain. Peter ist mit seiner Varadero an der Grenze des Machbaren – aber er mag glaube ich das Fotografieren eh lieber als die Offroad-Schinderei 😉


Noch extremer ab der Mönchsebene

Hier macht das Hochgebirge dann seinem Namen alle Ehre. Rundherum liegen nur grobe Felsbrocken. Die Straße – sofern man das noch so nennen mag, wird immer grober. In meinem Helm beginnt sich eine Frage zu entwickeln, die immer größer wird… wer hat mich das machen lassen? Fahrerisch immer mehr gefordert kommt dann zu allem Überfluss auch noch ein 4×4 entgegen und ich muss am Rand ausweichen, wo´s nach unten geht. Wenn ich jetzt stürze, tut´s weh. Meine Zweifel werden immer größer. Als in der letzten Kehre – ich wollte gerade aufgeben – Uli mit seinem Handy steht, um mich zu filmen, packt mich mein Ehrgeiz wieder – also "Arschbacken zusammenkneifen und weiter". Hundert Meter weiter sind wir am Ziel. Dort brauche ich noch eine kleine Motivation von Jürgen, um hinter die Absperrung zu fahren, was sich aber definitiv gelohnt hat.


Einfach mystisch

Der See an der Passhöhe ist in dichten Nebel gehüllt, aus dem schemenhaft die umgebenden Hügel und Felsen auftauchen. Während wir noch die ersten Fotos schießen, merken wir gar nicht, dass sich in den paar Minuten der Neben komplett verzogen hat, ja sogar die Sonne blitzt hier und da durch. Das Wechselspiel der Elemente, die Erschöpfung nach der anstrengenden Fahrt und mein Glücksgefühl erzeugen ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit in mir. Dankbarkeit dafür, dass ich mir das leisten kann, dass ich gesund bin und so etwas machen kann, dass ich die Menschen getroffen habe, die mich auf diesem Weg begleiten.


Jetzt geht´s runter

"Was ich rauf geschafft habe, sollte auch hinunter klappen", dachte ich mir, als wir uns auf unseren Bikes für ein Foto aufgestellt hatten. Leider waren abwärts viele 4×4 unterwegs. Das bremst die Fahrt enorm, was mich jedoch nicht weiter stört. Schließlich bietet das viel Zeit zum Fotografieren und Genießen der atemberaubend schönen Landschaft. Plötzlich taucht eine GS auf (auch eine 1200er wie meine), die den Berg hoch fährt. Aber was sehen meine müden Augen? Der wilde Hund fährt die Strecke mit einer Sozia! Wie leidensfähig muss diese Frau sein !?

Die allseits bekannte Wasserdurchfahrt muss natürlich gefilmt werden und wenig später sind wir dann wieder unten an der Mautstelle.


Ohne Mampf kein Kampf

Das Rifugio Scarfiotti liegt hinter der Mautstelle auf 2.156 m und ist bekannt für gutes Essen in traumhaften Ambiente. Es liegt auf einer Hochebene mit einem kleinen See, die wie eine Arena mit riesigen Felswänden eingerahmt ist, aus denen sich fast schon kitschig einige Wasserfälle ergießen. Alleine das rechtfertigt schon einen Stop. Wer jedoch Halt macht und im Rifugio einkehrt, der sollte unbedingt die köstlichen Polentagerichte mit Wildschwein oder "con Wurstel" probieren. Sie sind genau das Richtige Futter für hungrige Abenteurer.


Heimwärts – und zwar schnell

Nach dem köstlichen Essen mache ich noch Videos an der Wasserdurchfahrt beim Rifugio. Bis ich meine Fotoausrüstung wieder verstaut habe, waren die anderen längst über alle Berge. Nur Uli wartete am Mauthäuschen. Gemeinsam mit ihm nahm ich die Verfolgung der restlichen Mannschaft auf. Motoviert durch die nervöse Gashand an seiner KTM Adventure begann ich, meine Grenzen zu suchen. Ich sag´s gleich – ich habe sie nicht gefunden, aber wir sind förmlich durch das Tal hinaus geflogen. Selten hatte ich so viel Adrenalin im Blut, wie nach dieser Strecke nach Bardonecchia.


Nach einem kleinen Abstecher zum Tanken und zum Supermarkt haben wir dann gemeinsam einen sehr gemütlichen Abend vor unseren Zelten verbracht. Ich empfinde es als Glücksfall, in einer solchen Runde eine so tolle Zeit zu erleben.


Danke

Einen herzlichen Dank möchte ich allen Menschen aussprechen, die uns ermöglichen, solche Motorrad-Abenteuer legal zu erleben. Es steckt viel Arbeit dahinter – vom Erhalten der Wege bis zu Abklärungen mit Anrainern und Grundstücksbesitzern. Dafür ist die Maut mehr als gerechtfertigt und auch die Beschränkung der Straßenöffnung auf 2 Tage in der Woche ist absolut einzusehen.


Impressionen


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Michael Schnedl

Ich fahre Motorrad seit 2012. Seit 2018 bin ich immer öfter im Gelände anzutreffen. Ich liebe die Freiheit auf zwei Rädern.

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